Dienstag, 1. Februar 2011

Ein Ausflug nach „Deutschland“

…für einen Tag, habe ich am letzten Freitag gemacht. Mehr oder weniger… Seit meiner Ankunft hier in Port Huron hat mich so ziemlich jeder versucht einmal nach Frankenmuth (gesprochen Frääänkenmuuuuuth) einzuladen und letzten Freitag habe ich dann schlussendlich nachgegeben. Denn neben der Stadt an sich gab es auch das Ice Festival zu bestaunen, das ist ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Künstlern, bei dem die schönste Eis- oder Schneeskulptur gewinnt. Im Rahmen dieses Eis Festivals spielte auf einem großen beheizten Zelt eine Militärkapelle und es gab frisch gezapftes Bier – um es vorwegzunehmen, dies war so ziemlich das deutscheste an der ganzen Stadt, neben warmen Kartoffelsalat und Weißwürsten (neben Sauerkraut und natürlich Bier so ziemlich das erste, was Amis zum kulinarischen Deutschland einfällt.)

Ansonsten haben wir wirklich nicht viel gemacht, als zu essen, Eisskulpturen anzuschauen und Essen zu kaufen. Dabei habe ich allen aus unserer Gruppe Glühwein und Weizen aufgeschwatzt und jeweils erklärt, wie man es zu verzehren hat.

Bevor es aber zurück nach PH gehen konnte, durfte ein Besuch im größten Weihnachtsladen der Welt nicht fehlen. Und davon macht man sich wirklich keine Vorstellung! Ein Supermarkt so groß wie ein handelsüblicher IKEA in Deutschland, der das ganze Jahr über nur Weihnachtsdeko verkauft. Um die Stellflächen vollzubekommen gibt es also Weihnachtskugeln in Form von Hunden, Baseballschlägern oder auch gleich ganze „Themen-Bäume“ zu kaufen. So sind, wie man mir erklärt hat, besonders Bäume zum ersten Weihnachten des Kindes gefragt (in diesem Fall sind die Kugeln hellblau oder rosa oder in „Storchenform“ und mit Namen, Gewicht, etc. des Kindes bedruckt) oder der „Hochzeits-Baum“, welcher sich durch weiße, schuhförmige Kugeln und ineinander-greifende Ringe auszeichnet.


Ach ja, aus aktuellem Anlass gab es auch den Valentinstag Weihnachtsbaum


Eines muss ich diesem Supermarkt aber dann doch lassen, die Ausstellung der Weihnachtskrippen aus allen Ländern der Welt war sehr authentisch. So war eine der Krippen, die als deutsches Beispiel gezeigt wurden genau jene, welche meine Mama jedes Jahr zu Heiligabend aufstellt.

Und Samstag sollte es dann auch spaßig weitergehen. Während wir nachmittags mit Alice und Ed beim ersten Teil des Chili-Festes waren (der zweite folgt dieses Wochenende mit Snowmobil-Rennen), wollten wir den Abend eigentlich ruhig angehen und hatten uns für Kino entschlossen. Auf dem Rückweg von der Bushaltestelle zurück nach Hause war es allerdings so kalt, dass ich Stacy vorgeschlagen habe doch einen kurzen Abstecher in eine Bar zu machen, ein Bierchen zu trinken und dann den Rest des Rückwegs anzutreten. Gesagt getan. Wir sind also rein in die Bar und haben zielsicher den Tresen angesteuert, bevor wir wirklich viel wahrgenommen haben. Das sollte dann nach und nach kommen. Denn wir waren in einer Bar gelandet, die in den späten 60ern bzw. 70ern hängengeblieben war. Es spielte eine Liveband deren Lead-Sängerin aussah und sang wie Goldie Hawn und auch Deko und Gäste waren irgendwie in diesem Jahrzehnt steckengeblieben. Trotz unserer mehr als winterfesten Kleidung, dem großen Altersunterschied zum Rest der Gäste und unseren eigentlich ganz anderen Plänen konnten wir uns jedoch nicht losreißen und spätestens bei „bitch“ von Meredith Brooks musste auch das lange Unterhemd dran glauben – wir hatten also unseren Spaß und der Rückweg hat sich dann auch ganz und gar nicht mehr kalt angefühlt.

Aber mein Wochenbeginn steht meinem Wochenende in nichts nach. Gestern habe ich nämlich Besuch bekommen. Außergewöhnlichen Besuch. Zunächst hat die Dame mir 5 Zeitschriften gegeben, mit den Worten, sie habe gehört, dass ich aus Deutschland komme und sie wolle mir mal wieder was zu lesen geben, dass ich in meiner Muttersprache lesen könne. Dabei muss ich wohl noch erwähnen, dass diese Dame keine übliche Kundin oder Helferin in der Suppenküche ist. Die Titel der Zeitschriften „Wachturm“ und „Erwachet“ kamen mir bekannt vor, ich wusste, dass es irgendwie in der Ecke „skurril“ in meinem Gehirn abgespeichert war, aber ich konnte es nicht gleich einordnen. Bis sie mich dann fragte, ob ich gläubig sei und ob wir uns vielleicht einmal treffen sollten um gemeinsam über unseren Glauben zu sprechen. Da fiel der Groschen. Eine Zeugin Jehovas! Auch wenn ich dann dankend abgelehnt habe – ganz wie es die amerikanische Höflichkeit gebührt – es hat mich schon beeindruckt welch eine gut organisierte und vor allem informierte Mitgliederakquise diese Religionsgemeinschaft (Sekte darf man wahrscheinlich in diesem Zusammenhang nicht sagen, denn ich gehe davon aus, dass sie auch diesen Eintrag finden – schöne Grüße an dieser Stelle!) betreibt.

Ja und dann habe ich noch etwas Neues zu: Der kleine Unterschied zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Alltag. Man kann hier mehr als 3 Mal einen falschen PIN eingeben ohne dass die Karte gesperrt wird. Peinlich es zuzugeben, aber wahr. Ich habe 3 Mal den falschen PIN eingegeben, was aber vor allem daran lag, dass ich die letzten Einkäufe mit einer anderen Karte getätigt hatte - ja, ich bin hier im Besitz von genauso vielen Karten wie die meisten Amerikaner auch. Dennoch bin ich gestern mit dem Gefühl nach Hause gegangen, dass mein Account jetzt gesperrt sei und ich bevor ich nicht zur Bank komme, nicht an Geld komme. Genau wie bei den meisten anderen, ist nämlich auch bei mir nicht immer auf allen Konten was drauf… Da mir mein Fehler aber gestern Nacht beim Einschlafen eingefallen ist, bin ich heute Morgen um 7 zum Supermarkt gestiefelt, habe den schlechtesten Nagellack meines Lebens gekauft, durfte dafür allerdings feststellen, dass meine Karte noch funktioniert.

Freitag, 21. Januar 2011

Julia beim Zahnarzt

Nachdem es jetzt offiziell ist, dass ich kein Loch habe und auch sonst alles top mit meinen Zähnen ist, kann ich zugeben, dass ich eine ganze Weile Zahnschmerzen hatte. So kam es also zu meinem ersten Arztbesuch hier in Amerika. Bekannte von mir hatten mir einen Termin bei ihrem Zahnarzt besorgt, der super sein sollte, weshalb ich dem Ganzen eigentlich relativ gelassen entgegen gesehen habe…

Ich kam also in der Mittagszeit an und bekam ein Blatt ausgehändigt, dass jeder Patient bei seinem ersten Besuch ausfüllen muss. Soweit nichts ungewöhnliches, bis man die zweite Seite des „Booklets“ aufgeschlagen hat. Denn ein amerikanischer Zahnarzt möchte doch so einiges über einen wissen! Da reicht es nicht anzugeben, ob man in den letzten xy Stunden blutverdünnende Mittel eingenommen hat, nein, hier musste ich angeben, an welchen Körperstellen ich am meisten schwitze, wie oft ich am Tag auf Toilette gehe, etc. pp… Ich habe also zunächst etwas gestutzt, aber dennoch alles brav ausgefüllt, denn schließlich wollte ich ja kein Risiko bei der Behandlung eingehen ;-)

Als ich 20min später mit dem Ausfüllen des Bogens fertig war, wurde ich dann auch gleich ins Behandlungszimmer geführt. Trotz meiner Angabe lediglich unter Zahnschmerzen in einem Zahn zu leiden, wurde bevor der Arzt kam, geröntgt, ein Abdruck genommen und allerlei Papier in meinem Mund hin und her geschoben. Außerdem konnte ich zwischen jeglicher multimedialer Belustigung wählen, die mir überhaupt in den Sinn gekommen wäre, worauf ich aber dankend verzichtet habe.

Obwohl ich auch jetzt noch Zahnschmerzen hab, muss ich doch sagen, dass sich der Zahnarztbesuch gelohnt hat… Denn in dem Moment, als der Arzt das Behandlungszimmer betrat, gingen meine Gedanken in die Richtung „Das mit dem Schwitzen kannst du auch gern persönlich rausfinden...“

Wow, was für ein Zahnarzt! Und noch dazu nett. Aber das sollte er für 150$ Behandlungskosten wohl auch sein. Und für alle Neugierigen – nein, trotz anhaltender Zahnschmerzen gehe ich in absehbarer Zeit nicht noch einmal hin, ich vertrau da ganz auf den Rat meiner Eltern, der etwa so lautete: „Julia, du wirst alt, da gehören Zahnschmerzen eben dazu.“

Ein weiteres Highlight meiner Woche war definitiv das Revival von Smokie – zumindest hier in Port Huron dürften diese nämlich diese Woche die youtube-Charts anführen. Denn durch einen dummen Zufall war ich auf das Lied „Living next door to Alice“ gestoßen und fand es meiner Chefin wie auf den Leib geschnitten (die dürfte so einige Männerherzen in ihrem Leben auf dem Gewissen haben, denn sie ist einfach „gorgeous“) Ich habe das Lied also zunächst meinen Mitbewohnern vorgespielt, die es noch nie zuvor gehört hatten und sich, da sie Alice ja kennen, kaputt gelacht haben.

Das erste, was ich also am nächsten Tag auf der Arbeit gemacht habe: Alice und meinen anderen Arbeitskollegen „Who the f*** is Alice“ vorzuspielen. Diese konnten sich ebenfalls kaum einkriegen. (Vor allem weil in dem Lied ja nicht nur 1 Mal das Wörtchen „f***“ verwendet wird, welches hierzulande zensiert werden muss). Dabei kamen uns dann Ideen wie: Aus diesem Liedtext eine Laudatio auf Alice zu schreiben (sie erhält tatsächlich bald nen Preis für ihr Engagement), oder alle Radiostationen abzutelefonieren, damit sie das Lied spielen. (Eine hat Alice Ehemann, der zwischenzeitlich auch dazu gestoßen war wirklich angeschrieben).

Auch wenn unser Erfolg bei den Radiosendern wohl eher ausbleiben dürfte, jeder der in den letzten zwei Tagen das Büro betreten hat, kam ohne einmal Smokie gehört zu haben nicht wieder hinaus und da dieser song fast schon für Alice geschrieben sein muss und in Port Huron jeder Alice kennt, könnte ich mir vorstellen, dass er ziemlich bald überall bekannt ist.

Sonntag, 9. Januar 2011

Meine Wieder-Einreise

Zunächst: Es war toll euch alle über Weihnachten wiederzusehen!

Wahrscheinlich waren es wirklich die erholsamen Tage zuhause, die mir die nötige Gelassenheit gegeben haben um bei dem ganzen Prozedere beim Zoll hier ruhig zu bleiben…
Während bei meinem ersten Flug nach Amsterdam noch alles prima geklappt hat – ich in Amsterdam sogar mit Krapfen von „Frau Antje-Verschnitten“ begrüßt wurde, sollte es bei meinem nächsten Flug etwas anders aussehen. Wie die meisten von euch wissen, habe ich bei der Buchung meiner Flüge leider nicht auf die jeweiligen Wartezeiten in Amsterdam geachtet und so blieb mir nichts anderes übrig, als am 2ten nach Amsterdam zu fliegen, um dann einen Tag später meinen Anschlussflug nach Detroit anzutreten, denn laut „Delta“ wäre mein Flug nach Detroit verfallen, wenn ich mit anderen Verkehrsmitteln nach Amsterdam gereist wäre.

Nach einer Nacht im Hotel kam ich also morgens wieder am Flughafen an und war bereit mich den Fragen der Grenzbeamten zu stellen, die man ja beantworten muss, wenn man ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten einreisen möchte. Und diesen netten Herren, den ich erwischt habe, hat es dann sehr verdächtig gestimmt, dass ich eine ganze Nacht in Amsterdam verbracht habe, weshalb ich doch etwas mehr Fragen über mich ergehen lassen musste, als das Übliche: „Haben sie ihren Koffer allein gepackt?“ Nach einiger Überzeugungsarbeit durfte ich dann aber doch weiter zum Einchecken. Als die Flughafenmitarbeiterin aber mein boarding-ticket scannen wollte, leuchtete ihr Gerät wie wild.

Der Zufallsgenerator hatte mich für einen Extra-Sicherheitscheck ausgewählt. So durfte ich sämtliche Gegenstände in meinem Handgepäck vor dem Sicherheitspersonal ausbreiten und erklären, was besonders viel Spaß macht, wenn man sämtliches Gepäck einer Übernachtung dabei hat.

Aber auch diesen Test habe ich bestanden und durfte somit mit Delta-Airlines über den großen Teich fliegen. (Kleiner Tipp dabei für alle, die demnächst mit Delta fliegen, oder sich mal wieder einen Film ausleihen wollen: „The social network“ ist echt klasse.) Die beste Überraschung stand mir allerdings noch bevor: Die RIESEN-Schlange bei den customs. Denn da das Sicherheitssystem zur Einreise aller Ausländer ausgefallen war, warteten vor mir um die 300-400 Menschen darauf einreisen zu dürfen. Gut also, dass ich ja von Natur aus ein wirklich geduldiger Mensch bin… Trotz meiner Ungeduld, eines unerlaubten Telefonats und eines fehlenden Arbeitsvertrags (Hallo?!? Ich hatte doch bereits einen Stempel in meinem Pass!!!) durfte ich dann schließlich doch einreisen und wurde von Alice und Dolly mit 6 Helium-Luftballons begrüßt, nachdem sie sämtliche ankommenden Leute gefragt hatten, ob sie eine Julia gesehen hätten und ob es mir gut ginge. Zumindest hatten sie also ihren Spaß, während sie auf mich warten mussten.

Hier in Port Huron ist übrigens alles wieder wie immer, außer dass es unentwegt schneit, aber so sieht wenigstens sogar meine Nachbarschaft irgendwie friedlich aus.



Es war richtig über Weihnachten nach Hause zu kommen, aber es ist genauso richtig jetzt wieder hier zu sein.

Montag, 13. Dezember 2010

Arbeit, Freizeit und Krankheit in Amerika

Ok, mein heutiger Blogtitel ist doch etwas provokativ gewählt, aber ich wollte einfach noch einmal ein bisschen Mitleid dafür erhaschen, dass ich die letzten 3 ½ Tage mit einer Grippe im Bett verbracht habe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ging es mir dabei gar nicht so schlecht, meine Mitbewohner haben sich in regelmäßigen Abständen nach meinem Befinden erkundigt und mir alles mögliche angeboten, Freunde haben frischen Chai-Tee und DVDs vorbeigebracht und meine Chefin hat mich mit Mandarinen und Hühnerbrühe versorgt. Und eine Mama, die mir mit 23 noch die Brust mit Wick einreibt kann ich wahrscheinlich wirklich nicht verlangen… Außerdem weiß ich jetzt endlich dank der Lektüre von sämtlichen „Cosmopolitans“ des letzten Jahres die hier im Haus zu finden waren, was der „Otto-Normal-Mann“ denkt, fühlt und doch nicht aussprechen kann und dass ich im Jahr 2011 nach einem Schützen Ausschau halten sollte, da dieser 10 von 10 Punkten auf der Liebes- und 9 von 10 Punkten auf der Erotik-Skala verspricht. Nun, wie werden sehen…

So, da nun das erste Mitleids-Thema abgehakt wäre, kommen wir zum nächsten: meinem Job. Nein, Scherz beiseite, ich bin hier wirklich glücklich. Denn ich habe für mich festgestellt, dass die direkte Kommunikation mit meinen Klienten - also, dass ich das Resultat meiner Arbeit direkt sehen kann – mir unheimlich gut tut. (Keine Sorge Papa, das heißt nicht, dass ich in Deutschland vorhabe zur Einzelhandelskauffrau umzuschulen.)

Zu meinem Job: Vom direkten vorbereiten der Mahlzeiten und der Kommunikation mit unseren „clients“ (eine bessere Übersetzung als Klienten/Kunden, fällt mir nicht ein), über Büroarbeit, bis hin zum Leiten einer Vorstandssitzung (nach 8 Wochen hier), habe ich schon alles gemacht und es macht mir weiterhin einen riesen Spaß. Dennoch bin ich natürlich auch schon das ein oder andere Mal auf die Nase gefallen. Denn einige meiner „Zöglinge“ wissen meine Hilfe auch ganz gezielt für sich zu nutzen, bzw. überzustrapazieren, weshalb ich am Anfang vor allem lernen musste Grenzen zu setzen.

Eines habe ich jedoch auf jeden Fall gelernt: Menschen nicht zu schnell vorzuverurteilen. Ich war mir immer ziemlich sicher, dass man es mit etwas Eigeninitiative immer auch allein im Leben schaffen kann und so jeder seines eigenen Glückes Schmied ist – was ja ziemlich genau dem amerikanischen Traum entspricht. Aber mittlerweile habe ich begriffen, dass bestimmte Sicherungsmechanismen manchmal eben nicht greifen, dass jeder falsche Entscheidungen im Leben trifft – manche sind eben einfach gewichtiger als andere – und vor allem, dass ich nicht im entferntesten die Gründe für einige Reaktionen oder Handlungen meiner Klienten nachvollziehen kann, weil ich eben einen ganz anderen Hintergrund habe und niemals mit Problemen, wie sie sie jeden Tag zu bewältigen haben konfrontiert wurde.


Dies ist die Schlange bei einer unserer "Food-Banks" bei denen wir wöchentlich die grundlegenden Lebensmittel, wie Brot, Gemüse oder auch Konserven und manchmal Fleisch an Bedürftige in der Gemeinde verteilen.

Bisher habe ich also vor allem Verständnis und Geduld zu haben gelernt, zwei Tugenden von denen ich wahrhaft etwas mehr gebrauchen konnte. (Aber wir werden nach meinem Weihnachtsurlaub zuhause sehen, ob meine Eltern dem auch so zustimmen ;-)

Was meinen Job hier besonders spannend macht ist definitiv auch meine Chefin. Sie ist 60, sieht aber deutlich jünger aus und sprüht nur so vor Energie. (Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb sie schon in ihrer 3. Ehe ist – für ihren Mann ist es übrigens schon die 5te.) Naja, jedenfalls kennt sie jeden, sitzt in zahlreichen Vorständen und wird zu jeder erdenklichen Art von Event eingeladen. So habe ich durch sie schon sehr viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt, spannende Abende verbracht und auch jegliche Unterstützung durch sie erhalten (siehe eben auch die Hühnerbrühe). Was jedoch nicht ihr Fall ist, ist Büroarbeit. Aber dazu hat sie ja mich und um ehrlich zu sein, ist diese hier wirklich zu einer entspannten Abwechslung für mich geworden und ich genieße es der Excel- und Word-Profi auf der Arbeit zu sein (ich weiß, dass jetzt einige lachen werden), der tolle Statistiken erstellt und einige Dinge mal etwas überarbeitet.


Das sind Alice (meine Chefin), ihr Mann und ich beim Weihnachtsbaum-Absägen. Ich sag ja, Powerfrau!

Ach ja, da war ja auch noch ein Wörtchen in der Überschrift. Freizeit. Ich würde jetzt gar nicht Mal generell behaupten, dass Amerikaner keine Freizeit haben, aber ihre vorhandene Freizeit nutzen sie einfach anders als wir es gewohnt sind. Sie spenden sie. Ob der eigenen Kirchengemeinde (wie bereits erwähnt, bei der Auswahl der eigenen Gemeinde hat man hier ein riesiges Angebot und kann bestimmt aus mehr als 50 wählen), dem Krankenhaus, ganz normal einem Sportverein, der Feuerwehr oder eben auch amerikaweit operierenden Organisationen wie der Salvation Army, fast jeder den ich hier kenne, arbeitet in seiner Freizeit irgendwo ehrenamtlich, was ich grundsätzlich total toll finde. (Ich habe einmal den Fehler gemacht eine Diskussion darüber zu beginnen, ob es sinnvoll ist eine größere Anzahl von Stunden jede Woche unentgeltlich im Krankenhaus zu arbeiten, während dieses alle 5 min Werbung auf jeglichen Radiokanälen für seine tollen neuen Behandlungsmethoden macht – meiner Ansicht nach liegt hier kein mangelndes Budget vor, sondern einfach die falsche Verwendung von zur Verfügung stehenden Mitteln und wie sehr ich einem Krankenhaus vertrauen soll, welches viel Werbung macht, auf der anderen Seite aber auf die freiwillige Mitarbeit von Ehrenamtlichen angewiesen ist um am Laufen gehalten zu werden, ist dann doch meine Sache. Ich hoffe also, dass mir nach dieser Grippe weitere Krankheiten erspart bleiben!)

So, ich bin jetzt gespannt, welcher Kulturschock mich bei meinen „Ferien“ in Deutschland erwarten wird, wenn ich nicht einfach bei meiner Zahlung an der Supermarkt-Kasse angeben kann, dass ich gern 10€ von meinem Konto abheben möchte. Und ich freue mich natürlich riesig darauf euch alle, oder hoffentlich die meisten, über Weihnachten wiederzusehen.

Montag, 29. November 2010

Mein erster und zweiter Ausflug nach Kanada

Zunächst aber mein Fazit zu Chicago: Es ist eine aufregende Stadt mit für amerikanische Verhältnisse viel Kultur und Geschichte, in welcher man wirklich eine schöne Zeit haben kann, wenn man sich denn warm genug anzieht! Denn wie mir eine Amerikanerin in London im März erklärt hat (als ich noch nicht genau wusste in welche Stadt es hier gehen wird) „Chicago is windy and cold!“

Das nächste Wochenende haben wir dann ebenfalls für einen Ausflug genutzt und sind zu den Niagara Fällen aufgebrochen. Dazu haben wir dann einen Mietwagen genommen. Den kleinsten Mietwagen, den man hier in Port Huron (und damit wahrscheinlich auch in ganz Michigan und den meisten Staaten von Amerika) bekommen kann ist übrigens ein Chevrolet HHR, was größenmäßig ungefähr einem Passat Variant entspricht. Bei immer noch wunderbarem Sommerwetter haben wir uns also aufgemacht hier in Port Huron die Grenze zu überqueren und Kanada zu erkunden. Nach ein-zwei Fragen zu unserem Reiseziel, mitgebrachten Gütern, etc. wurde uns von der Grenzbeamtin ein schöner Tag gewünscht und wir konnten einreisen (das sollte auf unserem Rückweg später ganz anders aussehen). Die erste Überraschung an diesem Tag war für mich, dass Kanada in Kilometern und nicht Meilen rechnet und auch Grad anstatt Fahrenheit hat. Und was soll ich sagen, es ist schon cool, wenn man plötzlich wieder ein Gefühl für Entfernungen hat (auch wenn unser Tacho ja immer noch Meilen angezeigt hat und wir uns deshalb wahrscheinlich nicht ganz ans Tempo-Limit gehalten haben.)

Die zweite Überraschung des Tages gab es dann für uns in der Stadt Niagara Falls. Hatten wir beide eher einen Naturpark um die berühmten Fälle und vielleicht ein paar Hotels erwartet. So empfingen uns tausende bunt-blinkende Lichter, Spielhallen, 3D-Kinos, zahlreiche Händler von Billigwaren (wie man sie sonst aus dem Sommerurlaub am Mittelmeer kennt) und noch mehr Fast Food Restaurants (in dieser Hinsicht unterscheiden sich Kanadier übrigens kaum von Amerikanern, außer dass ihre Fast Food Restaurants ein kleines bisschen mehr für die Umwelt und ihre Mitarbeiter tun…-angeblich). Ach ja, was ich nicht vergessen sollte: auch die Fälle selbst wurden in verschieden farbigem Licht angestrahlt. Um das Ganze Spektakel zu vollenden gab es in der Nacht übrigens auch noch ein Feuerwerk über den Fällen. Ich glaube, im ersten Moment waren wir beide etwas geschockt, aber als wir dann am nächsten Morgen wieder aus der Hotel-Lobby auf die Fälle geschaut haben, sah alles schon viel friedlicher und durch die bunten Bäume wirklich natürlich schön aus. Mein Tipp wäre also: Kommt im Hellen bei den Niagara Fällen an, wenn ihr sie denn besuchen wollt!

Nach einer Bootsfahrt direkt unter die Fälle und einem Spaziergang zur Abbruchkante, haben wir den Ort Niagara Falls dann aber auch schon wieder verlassen. Was euch an dieser Stelle vielleicht noch interessieren könnte und was ich von unserer Tour behalten habe: Jeder zweite Mensch, der sich bisher absichtlich oder auch unabsichtlich die Fälle hinuntergestürzt hat, hat überlebt! (Trotzdem würde ich es niemandem empfehlen und ich denke auch, dass es sich hierbei ausschließlich um den kanadischen Teil handelt, da beim amerikanischen Teil – ich glaube in den 60er Jahren viel Geröll abgebrochen ist und diese nun nicht direkt in Wasser, sondern zunächst auf Stein stürzen.)

Dabei fällt mir noch etwas Interessantes ein: Die Niagara Fälle werden sozusagen an- und ausgeschaltet. Denn den Fällen vorgelagert ist ein Staudamm, der in der Nacht Wasser staut und dieses dann am Tag wieder ablässt. So sind sie also die Nordamerikaner: schalten ihre Wasserfälle an und aus…



Auf unserem Rückweg haben wir dann noch kurz einen Abstecher ins kanadische London gemacht, bevor wir ein weiteres Mal versucht haben die Grenze zu überqueren. Dieses Mal mit eher mäßigem Erfolg! Denn nach einer kurzen und eher unfreundlichen Konversation mit dem Mann im Häuschen wurden wir gebeten an die Seite zu fahren, die Fenster des Wagens zu öffnen, die Autoschlüssel abzugeben und einem Beamten in ein Häuschen zu folgen. Als ich eingewendet habe, dass aber ja Handy und Kamera im Auto auf der Rücksitzbank liegen würden und ich die Fenster lieber schließen würde, wurde mir nicht besonders freundlich begegnet, ob ich denn wirklich glauben würde, dass bei der Anzahl an Sicherheitspersonal und Kameras jemand klauen würde. Da hatte der Mann vielleicht nicht ganz unrecht, dennoch lasse ich ungern mein Hab und Gut in einem Auto, das völlig offen steht und dessen Schlüssel eine mir unbekannte Person mit sich trägt!

Naja, nach ein ¾ Stunde Warten in einem zu kleinen Raum mit Personen aus hauptsächlich orientalischen Kulturkreisen wurden wir dann endlich ins Großraumbüro der Grenzbeamten vorgelassen um unser „Vergehen“ zu klären. Nach einer weiteren halben Stunde in der zumindest geklärt wurde, dass Philip nicht einfach so über den Landweg einreisen durfte – er kam ja schließlich aus Deutschland…- und er für die erneute Einreise bezahlt hatte, kamen wir dann zu mir. Denn ich war der weitaus kompliziertere Fall. Das Problem war, dass ich Geld für meine Arbeit erhalte (mehr oder weniger ja wirklich nur ein Taschengeld!) und ein Visum für gemeinnützige Arbeit habe, worunter man ausschließlich unbezahlte Arbeit versteht. Letztlich wurde mein Fall dann dem Schichtleiter vorgetragen, der mich dann wieder hat einreisen lassen. (Und wir hatten noch Glück, eine Dame hinter uns wurde ganz anders behandelt. Ihr Bruder wurde wegen irgendeines Verbrechens gesucht und sie hat immer wieder beteuert, dass sie seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm hat, das wollten die Beamten ihr aber nicht so recht glauben und haben sie echt ganz schön in die Mangel genommen.)

Nachdem Philip dann abgereist war stand dann auch schon Halloween vor der Tür! (Ich befinde mich übrigens in einem Wahnsinns-Dekorations-Marathon: Zuerst wurden aller Vorgärten mit Kürbissen, künstlichen Spinnennetzen, Skeletten, Spinnen und Ähnlichem für Halloween geschmückt, dann kamen die aufgeblasenen Truthähne (kein Witz und sie sind an die 2m breit und hoch!) für Thanksgiving und fast zeitgleich auch schon Schneemänner, Weihnachtsmänner, Schlitten, Elfen und Engel. Dabei gilt bei den meisten Amerikanern die Devise: Kein Weihnachten vor Thanksgiving! Was das wiederum heißt weiß ich jetzt auch schon, gestern und damit genau einen Tag nach Thanksgiving haben alle Radiosender angefangen ununterbrochen Weihnachtslieder zu spielen…) Nun aber zunächst zu Halloween. Ich denke, dass Amerikaner Halloween als Kompensation dazu nutzen, dass sie kein Karneval oder Fasching haben. Denn die Kostüme sind noch ausgefallener und knapper als ich sie vom Bonner und Kölner Karneval kenne!

Nach einem Besuch im Halloween Store, habe ich mich dann doch gegen das unheimlich knappe Schiedsrichter-Kostüm entschieden und meine eigenen Klamotten genutzt um als Pirat zu gehen. Zur Wahl standen übrigens außerdem March Simpson und ein Dirndl (ein amerikanisches Halloween-Dirndl wollte ich dann aber doch nicht.)

Das Wochenende nach Halloween sind wir alle gemeinsam ins Nirgendwo von Michigan zu unserem ersten Retreat aufgebrochen. Die Reise dorthin war schon spannend: sieben Erwachsene + Gepäck für fünf Tage inklusive Schlafsäcken und Wandersachen in einem Minivan von der Größe eines Opel Zafira… (ich dachte wir seien in Amerika und hätten damit Zugang zu vielen GROSSEN Autos, aber wenn man sie braucht…) Deshalb war die dreistündige Fahrt auf dem Freeway dann auch nicht die bequemste. Aber das eigentlich Witzige unserer Reise für mich kam nach dem Freeway: ein Kreisel. Denn Amerikaner sind keine Kreisel gewöhnt, wir sind wohl auf eines der wenigen Exemplare überhaupt gestoßen, weshalb wir davor angehalten haben und dann gemeinsam das Konzept eines Kreisels diskutiert haben, bevor wir reinfahren konnten.

Die vorgesehene Unterkunft für unser Retreat, wie ihr euch schon an den Schlafsäcken denken könnt, war ein summer camp. Es mag vielleicht an meinen Englisch Kenntnissen liegen, aber meiner Ansicht nach passen „summer“ und der Monat November nicht außergewöhnlich gut zusammen – was sich auch bewahrheiten sollte – es war schweinekalt! Aber wir hatten Glück, unsere kleinen Blockhütten hatten Zentralheizung. Allerdings ist es doch seltsam mit 20 weiteren Mädels in einem Raum zu schlafen… Dennoch haben mir diese Tage unheimlich gut getan. Wir waren wirklich mitten in der Wildnis von Michigan. Ein See, viele Bäume und an einem Morgen als ich zum Joggen aufgebrochen bin, standen direkt vor unserer „Lodge“ zwei riesige Rehe (fast Elche von ihrer Größe) und haben mir in die Augen geschaut, als ob sie sagen wollten, „wer zuerst blinzelt muss das Revier hier verlassen.“

Aber nun näher zum eigentlichen Retreat. Unter anderem haben wir dort unsere eigene Persönlichkeit näher erforscht, was bei mir nicht wirklich Überraschungen hervorgetan hat. Ich denke, dass ich:
- Den Impuls habe wirklich zu leben
- Ich gern meine Grenzen austeste
- Das Bedürfnis von Variationen in meinem Leben habe
Und vor allem:
- Warten als emotionalen Tod empfinde
Wusstet ihr auch alle schon vorher.
Vor allem letzteres mussten meine Eltern glaube ich ziemlich häufig leidvoll erfahren…



Dennoch haben mir die vier Tage viel gebracht. Zu reflektieren, wie wir selbst unsere Stärken auf unserer Arbeit und in unseren Beziehungen besser einbringen und unsere Schwächen durch Stärken anderer kompensieren können, ist nichts wirklich Neues, und dennoch denkt man immer wieder „stimmt“ warum mache ich dies nicht schon längst. Ich bin jetzt kein neuer Mensch, aber ich bin einen Schritt weitergekommen – denke ich ;-)

Außerdem Teil des summer camps war ein Hochseilgarten. Dieser war mal definitiv höher als alle, die ich bisher in Deutschland gesehen habe und es sind doch eine Menge der Teilnehmer aus den Übungen gefallen… was es nicht leichter gemacht hat als absolut Letzte in die Bäume zu klettern! Als ich ungefähr die Hälfte der Elemente überwunden hatte, hat es dann auch noch angefangen zu schneien. Ich habe mich wahrscheinlich noch nie in meinem Leben an etwas so fest gehalten, wie an den Seilen in diesen Bäumen, was zur Folge hatte, dass ich die nächsten drei Tage kaum Zähneputzen konnte, da ich meine Arme nicht mehr heben konnte. Den krönenden Abschluss des Hochseilgartens muss ich aber noch erwähnen: Diesen machte ein Element, bei dem man zunächst einige Meter in die Tiefe gesprungen ist, bevor das Seil gegriffen hat und einen dann wie bei einer Seilbahn zu Boden gebracht hat. Wenn das keine Vorbereitung auf meinen bevorstehenden Fallschirmsprung war…

Nach diesen Erfahrungen in der Wildnis stand dann wieder Großstadt auf meinem Reiseplan. Es ging ein zweites Mal nach Kanada, dieses Mal nach Toronto. Dort habe ich mich mit Daniel, einem Bekannten aus Ravensburg getroffen um die Stadt unsicher zu machen. Das kann man so auch ziemlich wörtlich nehmen, denn Daniel hatte sich vorher vor allem über die angesagtesten Clubs in Toronto informiert und so sind wir dann im „This is London“ gelandet. 3 Ebenen, wobei die dritte ausschließlich die Frauentoilette war: Mit Frisöse, die einem noch einmal die Haare zurecht gesteckt hat. Obwohl auch ich ein Kleid anhatte, habe ich mich dennoch ziemlich underdressed gefühlt und irgendwie fehl am Platz. Aber ich hatte eine spaßige Nacht und bin mir nun immerhin ziemlich sicher, dass mir auch die zugegebenermaßen kleinen Clubs und ihre geringe Anzahl in Port Huron ausreichen. Insgesamt kann man Toronto als super saubere Stadt, mit vielen interessanten kulturellen Einflüssen zusammenfassen, die mein Herz jedoch nicht erobert hat…

Bei meiner hiesigen Überquerung der Grenze wurde ich nach zwei-drei Fragen zu meinem Ziel, meinem Wohnort und warum ich denn die Schlange vor der Grenze gewechselt hätte (das darf man wohl nicht) problemlos wieder ins Land gelassen...

Und abschließend zu den letzten Tagen und damit Thanksgiving. Da dieses vom Stellenwert hier in Amerika gleich nach Weihnachten kommt, verbringt man es mit der Familie und isst einfach unglaublich viel. Deshalb waren auch alle ziemlich besorgt um mich, da ich Thanksgiving ja nun nicht mit meiner Familie feiern konnte. Von den zahlreichen Einladungen, die ich erhalten habe, habe ich mich dann für die von Sarah´s Familie entschieden. Sarah´s Bruder hat uns also Mittwochabend abgeholt und zu ihnen nach Hause gefahren. Die Familie lebt in einem total süßen Haus direkt hinter einem Park, mit einem abgetrennten Garten (das ist hier in Amerika eher unüblich) und neben vielen Bäumen auch einem Whirlpool in diesem (den wir dann später am Abend auch noch ausprobiert haben). Am eigentlichen Thanksgiving-Morgen sind wir dann früh aufgestanden und nach Detroit gefahren um dort die 2. Größte Parade des Landes anzuschauen (die größte ist natürlich in NY). Nachdem wir uns dort im wahrsten Sinne des Wortes die Füße abgefroren haben – sonst wird Kundenservice hier so groß geschrieben wie nirgends, aber es gab keinen einzigen Kaffee- oder Kakaoverkäufer (um Glühwein fange ich gar nicht erst an zu betteln…), ging es dann wieder zurück zu Sarah nach Hause um sich für’s Essen fertig zu machen. Zum Essen kamen dann zahlreiche Familienangehörige und Freunde und wir haben uns die Mägen genüsslich mit: Truthahn, Mashed Potatoes, Süßkartoffeln, Stuffing, Bohnen, verschiedenen Salaten, Cranberries, Pumpkin- und Applepie, etc. vollgestopft. Nach diesem tollen und so gemütlichem Tag bei Sarah’s Familie sollte dann aber die eigentliche Herausforderung des Wochenendes auf mich warten: Meine Rückfahrt nach Port Huron! Denn ich hatte Pläne für’s Wochenende hier und ich wollte Sarah auch allein noch etwas Zeit mit ihrer Familie gönnen.

Weshalb meine Rückfahrt eine Herausforderung war? Ganz einfach, weil es hier ja so gut wie keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. In mühevoller Recherche hatte ich mir also einige Tage zuvor einen Bus von Detroit zur Kreuzung 23th Road – Gratiot ausgeguckt, wo ich dann in einen Bus nach Port Huron umsteigen wollte. Mit Nate, einem Freund von mir, war ausgemacht, dass er mich bei Sarah abholt (er hat Freitag direkt bei ihr um die Ecke gearbeitet) und mich dann mit in die Stadt nimmt, da wohnt er nämlich, damit ich dann von dort den einzigen Bus des Tages in Richtung Port Huron nehmen könnte. Meiner Ansicht nach war dies eine super Planung, da es für alle Beteiligten die wenigsten Umstände bedeutete. Und vor allem die einzige Möglichkeit, denn am Wochenende und an Feiertagen fahren hier keine Busse.

Meine einzige Option nach Hause zu kommen, habe ich dann aber schon vor meiner Abreise bei Sarah verstreichen sehen, da Nate ein kleines bisschen später war. Mein Glück: Er hat mich dann direkt zu meinem eigentlichen Bus gebracht. An dieser Bushaltestelle bin ich allerdings eine Stunde zu früh angekommen und ich wollte nicht, dass er auf mich warten muss, weshalb ich ihn nach Hause geschickt habe. Da es draußen eiskalt war, habe ich mir also das nächste Fast-Food Restaurant gesucht um dort auf den Bus zu warten. Und da war ich nicht die Einzige. In diesem Restaurant saßen schon um die 20, ausschließlich farbige Menschen, die außer mir auf den Bus warteten. Deshalb hatte ich dann eine wirklich witzige Stunde mit einer ca. 50 jährigen Frau, ihrem Sohn der stark übergewichtig war und mir etwas jünger erschien als ich und José aus Mexico, der so um die 60 gewesen sein muss. Allerdings war es wirklich erschreckend, dass ich die einzige im ganzen Bus war, die mit einer heilen Reisetasche gereist ist. Die meisten anderen waren mit Plastiktüten ausgestattet, wobei sogar diese Plastiktüten in vielen Fällen schon Löcher aufgewiesen haben. Diese Rückfahrt hat mein Thanksgiving also noch einmal in ein ganz anderes Licht gerückt…

Dienstag, 9. November 2010

Vom Einfall der Deutschen in Amerika und einigem mehr

Ja, ich weiß, dass mein letzter Eintrag eine Weile her ist und dafür möchte ich mich auch bei allen fleißigen Lesern herzlich entschuldigen! Aber mit meinem „Einleben“ hier ist eben auch ein voller Terminplan verbunden, denn mittlerweile habe ich neben meinen Dates mit Lucky sowohl Deutsch-Nachhilfe, als auch Deutsch-Unterricht für Interessierte auf meiner wöchentlichen To-Do-Liste.

Genug der Ausreden (ein bisschen faul war ich nämlich sicherlich auch), ich komme jetzt lieber zu all den Ereignissen der letzten Wochen, bzw. des kompletten letzten Monats – noch einmal ENTSCHULDIGUNG!

Was ich in den letzten Wochen gelernt habe:
- Ich dachte immer, ich kann gut Eislaufen – in Michigan gehöre ich definitiv eher zur unteren Mittelschicht in Sachen Schlittschuhlaufen!
- Der legale Waffenbesitz ist tatsächlich eines der amerikanischen Ideale
- Das Gesundheitsamt ist keine deutsche Erfindung und auch Suppenküchen unterliegen strengster Kontrolle
- Die Deutschen sind in Chicago eingefallen ;-)
- In Kanada ist es Stripperinnen erlaubt sich komplett auszuziehen, während hier in Amerika das Höschen nicht ausgezogen werden darf…
- Jedes Land hat die freie Wahl, wann es seine Zeit von Sommer- auf Winterzeit umstellt – in der letzten Oktoberwoche zu reisen kann also ungeahnte Probleme mit sich bringen!
- Halloween-Kostüme sind noch freizügiger als Kostüme im köllschen Karneval
- Die Deutsche Bahn ist vielleicht doch nicht so schlecht wie ich (und vor allem mein Papa) immer dachten (ich weiß, dass einige meiner Freunde im Raum Stuttgart jetzt laut aufschreien werden, ich denke fest an euch!)
- Das einzige Thema der Grünen in Amerika ist die Legalisierung von Gras
- 1 voller Haushalts-Abfalleimer hat bereits 37 volle Abfalleimer der Industrie verursacht (das sind jetzt amerikanische Zahlen, dennoch denke ich, dass wir darüber alle einmal nachdenken sollten!)
- und noch viel, viel mehr…

Aber nun möchte ich euch etwas detaillierter an diesen Lernprozessen teilhaben lassen.

Das Eislaufen war, wie so viele Events hier, ein Fundraising Event, was bedeutet, das Geld für irgendwelche gemeinnützigen Zwecke gesammelt wird – in diesem Fall für Highschool-Sport. (Ohne zu lügen, werden wir bestimmt zu 3 Fundraising Events jede Woche eingeladen, manchmal mit dem Hintergrund selber etwas zu erstellen, das ist dann z. B. die Arbeit in Community-gardens, oder man entwirft ein Bühnenbild für ein Theater, oder man spendet ganz simpel durch eine Teilnahmegebühr, oder eben eine normale Spende, da sollten aber mittlerweile alle wissen, dass wir da nicht die beste Zielgruppe sind ;-)

Zurück zum Eislaufen. Ich habe mich riesig darauf gefreut, denn Schlittschuhlaufen macht mir echt Spaß und ich Deutschland war ich auch immer relativ stolz auf meine Fähigkeiten…

Hier habe ich das Gefühl, gibt es nur die totalen Anfänger und die absoluten Cracks – davon nicht zu wenig. Aber ich habe mir sagen lassen, dass Michigan zahlreiche Eishockey-Jugendligen hat, weshalb ich nicht mehr ganz so deprimiert über mein negatives Auffallen war. (Dabei sei gesagt: Ich war nicht die schlechteste, zwei deutlich übergewichtige Teenager haben dann doch noch etwas lustiger ausgesehen, was eventuell aber auch an den Körperproportionen lag, die von so schmalen Kufen getragen wurden.)

Inspiriert vom Fundraising Event ging es am darauffolgenden Freitag (ich habe wirklich zu lange nicht mehr geschrieben, muss ich gerade mal an meinem Vokabular feststellen…) zum örtlichen Eishockey-Derby. Das war wirklich ein Erlebnis! Denn unsere Fighting Falcons lagen im 3ten Drittel 3:10 hinten, weshalb dann eine riesige Schlägerei losging – nicht unter den Fans wohlgemerkt, unter den Spielern. Das ganze Spiel war für mein Verständnis relativ aggressiv gewesen, aber mit nur noch 2 (oder 3 – ich weiß es nicht mehr genau) Spielern auf dem Feld, da alle anderen mit Penalty kurz- oder langfristig gesperrt waren, hatte das Spiel nun definitiv seinen Höhepunkt erreicht. Um meinen Schrecken etwas in Grenzen zu halten (oder auszubauen – ich weiß es nicht) hat mir Sarah dann erklärt, dass man hier in Michigan auch zu sagen pflegt: „Oh eine Schlägerei, lasst uns ein Eishockey-Spiel anzetteln.“

Am nächsten Morgen haben Philip (der mich 10 Tage besucht hat) und ich uns dann mit dem Zug auf den Weg nach Chicago gemacht, was eine wirklich spannende Angelegenheit war.



Denn zum Einen ist Cicago eine großartige Stadt, zum Anderen entspricht reisen mit dem Zug hier mal so gar nicht meinen persönlichen Vorlieben. Bin ich in Deutschland gern in der letzten Minute in den Zug gehüpft, so muss man hier mindestens eine halbe Stunde vor Abfahrt bereitstehen um zu boarden. (bewusst nicht in „“ gesetzt, denn es heißt wirklich so!) Man zeigt dem Schaffner seinen Ausweis, die Tickets werden vorab geprüft und dann wird man dem speziell für einen vorgesehenen Waggon zugewiesen. Das einzig wirklich sinnvolle an dem ganzen Prozedere ist, dass der Schaffner darauf acht nimmt, dass Vierer-Plätze auch wirklich für Gruppen oder Familien freigehalten werden und, dass nur genau so viele Tickets verkauft werden, wie Sitzplätze zur Verfügung stehen – man muss also nicht irgendwo im Gang neben einer defekten Toilette lungern und die Bahn macht auch keinen Reibach mit Sitzplatzreservierungen – aber vielleicht befindet man sich hier gerade im Benchmarking-Prozess und diese Vorteile werden auch weichen müssen. Sind dann irgendwann alle Reisenden soweit platziert, kann der EINZIGE Zug am Tag dann den Bahnhof verlassen.

Angekommen in Chicago haben wir zunächst unsere Uhr um eine Stunde zurückgestellt (mit dem Zug in eine andere Zeitzone zu reisen ist schon cool, wie Philip festgestellt hat) um dann festzustellen, wie große Bahnhöfe in Amerika aussehen: Wie eine alte, widrig belichtete Lagerhalle! Wirklich! Nachdem wir dem Wirrwarr des Bahnhofs nach einer gefühlten halben Stunde dann entkommen sind, hat uns Chicago mit Regen und, wer hätte das gedacht: Wind empfangen! (Chicago wird hier auch „The windy City“ genannt)

Tja, was blieb uns am ersten Tag also anderes übrig als shoppen zu gehen ;-) Mein Fazit: Es lohnt sich! Nur ein Beispiel: Ich habe super tolle neue adidas Joggingschuhe für 60$ erstanden! Eine weitere Feststellung: Chicago ist überlaufen von Deutschen! Egal wo wir hingegangen sind, ein paar deutsche Worte konnten wir immer herauspicken. (Das witzigste war dabei wohl, dass wir uns auf dem Heimweg köstlich über eine deutsche Bekanntschaft in der Bar amüsiert haben, während wir auf zwei vor uns laufende, deutsche Studenten getroffen sind. Etwas enttäuscht war ich hingegen, als ich einer Frau die Museumstür aufgehalten habe und ich ihr auf ihr „Danke“ ein „Bitte“ erwidert habe, welches sie nicht registriert hat.)

To be continued…
…pretty soon – I promise!

Donnerstag, 23. September 2010

Was passiert...

… wenn man nicht mehr in der Nachbarschaft von Peer Steinbrück und Guido Westerwelle wohnt:

Und jetzt heißt es: Mama und Papa bitte erstmal hinsetzen, alles halb so wild! Denn heute hat jemand 5 Blöcke entfernt seine Frau als Geisel genommen und ein paar Stunden die Polizei in Schach gehalten. Deshalb mussten alle Schulen und öffentlichen Gebäude in der Umgebung abgeschlossen werden, sodass jeder der drin war auch tatsächlich drin blieb und andersrum. Das eigentlich dramatische an der Sache ist nur, dass die direkten Nachbarn des etwas durchgedrehten Herrn sich stattdessen lieber Stühle und etwas zu Essen mit auf die Veranda genommen haben, um dem Spektakel unmittelbar beizuwohnen. Mein scheint hier also Situation wie diese durchaus gewöhnt zu sein. Letztendlich wurde der Herr gefasst und alles geht wieder seinen gewohnten Gang…

Es ist aber nicht der erste Mann der letzten Tage, der festgenommen wurde. Denn Donnerstag hat direkt vor unserer Haustür ein Undercovercop einen Drogendealer auffliegen lassen, der so schnell wohl nicht mehr die Luft der Freiheit schnuppern wird.

Aber es gibt auch positive Neuigkeiten! Und zwar haben wir endlich unsere Fahrräder, die ich mit meinem neuen Dienstwagen letzte Woche bei einem wunderbaren, älteren Ehepaar abgeholt habe, die diese netterweise für uns repariert haben. Dabei bin ich in den Genuss gekommen ein wahrscheinlich wirklich typisch amerikanisches Haus von innen kennenzulernen: Eine süße Küche mit jeglichen Elektrogeräten, in diese hat man übrigens einen direkten Zugang durch die Garage. Ein kleiner Garten, der es ermöglicht ein nettes Schwätzchen mit den Nachbarn zu halten. Ein Hobbykeller für den Mann sowie ein kleiner Bereich für´s (tägliche?) Workout. Was mich aber wirklich neidisch gemacht hat: das riesengroße Bett! Aber vielleicht kommt das ja auch irgenwann nochmal in meinem Leben...



Ich habe mein Fahrrad am Sonntagmorgen jedenfalls gleich zu einem kleinen Ausflug an den See, die Brücke nach Kanada und in die etwas gehobeneren Teile Port Hurons genutzt, in welchen man dann auch einen direkten Zugang vom Garten zum See hat. Die meisten Häuser haben dabei eine Hollywood-Schaukel mit Blick über den See auf der Düne und teilweise auch einen Liegeplatz für´s eigene Boot ÜBER dem Wasser(die Boote werden hier meist elektrisch aus dem Wasser gehoben und liegen dann auf einer Art Sockel – keine Ahnung weshalb, denn besonders hohe Wellen habe ich hier noch nicht erlebt).

Obwohl es ein super schöner Morgen bei tollem Wetter war, bin ich lediglich einer weiteren Fahrradfahrerin begegnet. Die Amerikaner sind dann doch eher für auswärts Frühstücken am Sonntagmorgen, oder im anderen Extrem für Sport im YMCA zu haben. Dort bin ich seit gestern auch Mitglied, bzw. Stipendiantin und freue mich jetzt auf Schwimmen, Zumba und Yoga! Ein YMCA ist übrigens deutlich mehr als ein deutsches Fitness-Studio: Annähernd so viele Räume wie für´s Workout gibt es nämlich auch für die Kinderbetreuung der verschiedenen Altersklassen. Außerdem gibt es überall Fußbodenheizung, einen Badeanzugtrockner und eine Sauna – diese würden wir aber eher als türkisches Dampfbad bezeichnen. Von den meisten Bereichen kann man übrigens auf den Fluss und damit auch auf Kanada schauen: ich freu mich also schon alles auszuprobieren!

Und… ich habe diese Woche einen typischen amerikanischen Apfelkuchen gebacken! Das ging so: Plastiktüte öffnen und Boden, der bereits im Alu-Behälter ausgerollt war, herausholen. 2. Plastiktüte öffnen und vorgekochte Äpfel auf dem Boden ausbreiten (ich habe mir sogar die Mühe gemacht sie anzuordnen), 3. Plastiktüte öffnen und Geliermasse über den Äpfeln ausbreiten, 4. Plastiktüte öffnen und Streusel über all diese Zutaten verteilen – und ab in den Ofen.

Mein ganz persönliches Highlight der letzten Woche habe ich übrigens auf der Arbeit erlebt: Ich habe für Alice (meine Chefin) den Geschäftsbericht des letzten Quartals geschrieben;sie fand ihn gut und ich hatte keine Grammatik-Fehler! Yeah, so kann es weitergehen! Um aber auch des Deutschen mächtig zu bleiben, werde ich ab Oktober sowohl Deutsch-Nachhilfe, als auch Deutsch-Stunden für Erwachsene geben. Auf beides bin ich sehr gespannt, bei dem Nachhilfeunterricht betrifft das eher die Motivation der Schüler, bei den Deutsch-Stunden die Erwartungen meiner Zuhörer! Ich stürze mich also bisher noch sehr motiviert in dieses Abenteuer und ihr werdet von meinem Erfolg oder Misserfolg hören!