Montag, 13. Dezember 2010

Arbeit, Freizeit und Krankheit in Amerika

Ok, mein heutiger Blogtitel ist doch etwas provokativ gewählt, aber ich wollte einfach noch einmal ein bisschen Mitleid dafür erhaschen, dass ich die letzten 3 ½ Tage mit einer Grippe im Bett verbracht habe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ging es mir dabei gar nicht so schlecht, meine Mitbewohner haben sich in regelmäßigen Abständen nach meinem Befinden erkundigt und mir alles mögliche angeboten, Freunde haben frischen Chai-Tee und DVDs vorbeigebracht und meine Chefin hat mich mit Mandarinen und Hühnerbrühe versorgt. Und eine Mama, die mir mit 23 noch die Brust mit Wick einreibt kann ich wahrscheinlich wirklich nicht verlangen… Außerdem weiß ich jetzt endlich dank der Lektüre von sämtlichen „Cosmopolitans“ des letzten Jahres die hier im Haus zu finden waren, was der „Otto-Normal-Mann“ denkt, fühlt und doch nicht aussprechen kann und dass ich im Jahr 2011 nach einem Schützen Ausschau halten sollte, da dieser 10 von 10 Punkten auf der Liebes- und 9 von 10 Punkten auf der Erotik-Skala verspricht. Nun, wie werden sehen…

So, da nun das erste Mitleids-Thema abgehakt wäre, kommen wir zum nächsten: meinem Job. Nein, Scherz beiseite, ich bin hier wirklich glücklich. Denn ich habe für mich festgestellt, dass die direkte Kommunikation mit meinen Klienten - also, dass ich das Resultat meiner Arbeit direkt sehen kann – mir unheimlich gut tut. (Keine Sorge Papa, das heißt nicht, dass ich in Deutschland vorhabe zur Einzelhandelskauffrau umzuschulen.)

Zu meinem Job: Vom direkten vorbereiten der Mahlzeiten und der Kommunikation mit unseren „clients“ (eine bessere Übersetzung als Klienten/Kunden, fällt mir nicht ein), über Büroarbeit, bis hin zum Leiten einer Vorstandssitzung (nach 8 Wochen hier), habe ich schon alles gemacht und es macht mir weiterhin einen riesen Spaß. Dennoch bin ich natürlich auch schon das ein oder andere Mal auf die Nase gefallen. Denn einige meiner „Zöglinge“ wissen meine Hilfe auch ganz gezielt für sich zu nutzen, bzw. überzustrapazieren, weshalb ich am Anfang vor allem lernen musste Grenzen zu setzen.

Eines habe ich jedoch auf jeden Fall gelernt: Menschen nicht zu schnell vorzuverurteilen. Ich war mir immer ziemlich sicher, dass man es mit etwas Eigeninitiative immer auch allein im Leben schaffen kann und so jeder seines eigenen Glückes Schmied ist – was ja ziemlich genau dem amerikanischen Traum entspricht. Aber mittlerweile habe ich begriffen, dass bestimmte Sicherungsmechanismen manchmal eben nicht greifen, dass jeder falsche Entscheidungen im Leben trifft – manche sind eben einfach gewichtiger als andere – und vor allem, dass ich nicht im entferntesten die Gründe für einige Reaktionen oder Handlungen meiner Klienten nachvollziehen kann, weil ich eben einen ganz anderen Hintergrund habe und niemals mit Problemen, wie sie sie jeden Tag zu bewältigen haben konfrontiert wurde.


Dies ist die Schlange bei einer unserer "Food-Banks" bei denen wir wöchentlich die grundlegenden Lebensmittel, wie Brot, Gemüse oder auch Konserven und manchmal Fleisch an Bedürftige in der Gemeinde verteilen.

Bisher habe ich also vor allem Verständnis und Geduld zu haben gelernt, zwei Tugenden von denen ich wahrhaft etwas mehr gebrauchen konnte. (Aber wir werden nach meinem Weihnachtsurlaub zuhause sehen, ob meine Eltern dem auch so zustimmen ;-)

Was meinen Job hier besonders spannend macht ist definitiv auch meine Chefin. Sie ist 60, sieht aber deutlich jünger aus und sprüht nur so vor Energie. (Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb sie schon in ihrer 3. Ehe ist – für ihren Mann ist es übrigens schon die 5te.) Naja, jedenfalls kennt sie jeden, sitzt in zahlreichen Vorständen und wird zu jeder erdenklichen Art von Event eingeladen. So habe ich durch sie schon sehr viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt, spannende Abende verbracht und auch jegliche Unterstützung durch sie erhalten (siehe eben auch die Hühnerbrühe). Was jedoch nicht ihr Fall ist, ist Büroarbeit. Aber dazu hat sie ja mich und um ehrlich zu sein, ist diese hier wirklich zu einer entspannten Abwechslung für mich geworden und ich genieße es der Excel- und Word-Profi auf der Arbeit zu sein (ich weiß, dass jetzt einige lachen werden), der tolle Statistiken erstellt und einige Dinge mal etwas überarbeitet.


Das sind Alice (meine Chefin), ihr Mann und ich beim Weihnachtsbaum-Absägen. Ich sag ja, Powerfrau!

Ach ja, da war ja auch noch ein Wörtchen in der Überschrift. Freizeit. Ich würde jetzt gar nicht Mal generell behaupten, dass Amerikaner keine Freizeit haben, aber ihre vorhandene Freizeit nutzen sie einfach anders als wir es gewohnt sind. Sie spenden sie. Ob der eigenen Kirchengemeinde (wie bereits erwähnt, bei der Auswahl der eigenen Gemeinde hat man hier ein riesiges Angebot und kann bestimmt aus mehr als 50 wählen), dem Krankenhaus, ganz normal einem Sportverein, der Feuerwehr oder eben auch amerikaweit operierenden Organisationen wie der Salvation Army, fast jeder den ich hier kenne, arbeitet in seiner Freizeit irgendwo ehrenamtlich, was ich grundsätzlich total toll finde. (Ich habe einmal den Fehler gemacht eine Diskussion darüber zu beginnen, ob es sinnvoll ist eine größere Anzahl von Stunden jede Woche unentgeltlich im Krankenhaus zu arbeiten, während dieses alle 5 min Werbung auf jeglichen Radiokanälen für seine tollen neuen Behandlungsmethoden macht – meiner Ansicht nach liegt hier kein mangelndes Budget vor, sondern einfach die falsche Verwendung von zur Verfügung stehenden Mitteln und wie sehr ich einem Krankenhaus vertrauen soll, welches viel Werbung macht, auf der anderen Seite aber auf die freiwillige Mitarbeit von Ehrenamtlichen angewiesen ist um am Laufen gehalten zu werden, ist dann doch meine Sache. Ich hoffe also, dass mir nach dieser Grippe weitere Krankheiten erspart bleiben!)

So, ich bin jetzt gespannt, welcher Kulturschock mich bei meinen „Ferien“ in Deutschland erwarten wird, wenn ich nicht einfach bei meiner Zahlung an der Supermarkt-Kasse angeben kann, dass ich gern 10€ von meinem Konto abheben möchte. Und ich freue mich natürlich riesig darauf euch alle, oder hoffentlich die meisten, über Weihnachten wiederzusehen.

1 Kommentar:

  1. Julia :)
    Bald ist es soweit!! Ich freu mich auf teuren Kaffee in Amsterdam und Schlitten fahren. Schneien tuts ja hier genug ;)
    Gaaanz liebe Grüße ausm Nachbardorf :D
    Drück Dich
    Wiebke

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