Das nächste Wochenende haben wir dann ebenfalls für einen Ausflug genutzt und sind zu den Niagara Fällen aufgebrochen. Dazu haben wir dann einen Mietwagen genommen. Den kleinsten Mietwagen, den man hier in Port Huron (und damit wahrscheinlich auch in ganz Michigan und den meisten Staaten von Amerika) bekommen kann ist übrigens ein Chevrolet HHR, was größenmäßig ungefähr einem Passat Variant entspricht. Bei immer noch wunderbarem Sommerwetter haben wir uns also aufgemacht hier in Port Huron die Grenze zu überqueren und Kanada zu erkunden. Nach ein-zwei Fragen zu unserem Reiseziel, mitgebrachten Gütern, etc. wurde uns von der Grenzbeamtin ein schöner Tag gewünscht und wir konnten einreisen (das sollte auf unserem Rückweg später ganz anders aussehen). Die erste Überraschung an diesem Tag war für mich, dass Kanada in Kilometern und nicht Meilen rechnet und auch Grad anstatt Fahrenheit hat. Und was soll ich sagen, es ist schon cool, wenn man plötzlich wieder ein Gefühl für Entfernungen hat (auch wenn unser Tacho ja immer noch Meilen angezeigt hat und wir uns deshalb wahrscheinlich nicht ganz ans Tempo-Limit gehalten haben.)
Nach einer Bootsfahrt direkt unter die Fälle und einem Spaziergang zur Abbruchkante, haben wir den Ort Niagara Falls dann aber auch schon wieder verlassen. Was euch an dieser Stelle vielleicht noch interessieren könnte und was ich von unserer Tour behalten habe: Jeder zweite Mensch, der sich bisher absichtlich oder auch unabsichtlich die Fälle hinuntergestürzt hat, hat überlebt! (Trotzdem würde ich es niemandem empfehlen und ich denke auch, dass es sich hierbei ausschließlich um den kanadischen Teil handelt, da beim amerikanischen Teil – ich glaube in den 60er Jahren viel Geröll abgebrochen ist und diese nun nicht direkt in Wasser, sondern zunächst auf Stein stürzen.)
Dabei fällt mir noch etwas Interessantes ein: Die Niagara Fälle werden sozusagen an- und ausgeschaltet. Denn den Fällen vorgelagert ist ein Staudamm, der in der Nacht Wasser staut und dieses dann am Tag wieder ablässt. So sind sie also die Nordamerikaner: schalten ihre Wasserfälle an und aus…
Auf unserem Rückweg haben wir dann noch kurz einen Abstecher ins kanadische London gemacht, bevor wir ein weiteres Mal versucht haben die Grenze zu überqueren. Dieses Mal mit eher mäßigem Erfolg! Denn nach einer kurzen und eher unfreundlichen Konversation mit dem Mann im Häuschen wurden wir gebeten an die Seite zu fahren, die Fenster des Wagens zu öffnen, die Autoschlüssel abzugeben und einem Beamten in ein Häuschen zu folgen. Als ich eingewendet habe, dass aber ja Handy und Kamera im Auto auf der Rücksitzbank liegen würden und ich die Fenster lieber schließen würde, wurde mir nicht besonders freundlich begegnet, ob ich denn wirklich glauben würde, dass bei der Anzahl an Sicherheitspersonal und Kameras jemand klauen würde. Da hatte der Mann vielleicht nicht ganz unrecht, dennoch lasse ich ungern mein Hab und Gut in einem Auto, das völlig offen steht und dessen Schlüssel eine mir unbekannte Person mit sich trägt!
Naja, nach ein ¾ Stunde Warten in einem zu kleinen Raum mit Personen aus hauptsächlich orientalischen Kulturkreisen wurden wir dann endlich ins Großraumbüro der Grenzbeamten vorgelassen um unser „Vergehen“ zu klären. Nach einer weiteren halben Stunde in der zumindest geklärt wurde, dass Philip nicht einfach so über den Landweg einreisen durfte – er kam ja schließlich aus Deutschland…- und er für die erneute Einreise bezahlt hatte, kamen wir dann zu mir. Denn ich war der weitaus kompliziertere Fall. Das Problem war, dass ich Geld für meine Arbeit erhalte (mehr oder weniger ja wirklich nur ein Taschengeld!) und ein Visum für gemeinnützige Arbeit habe, worunter man ausschließlich unbezahlte Arbeit versteht. Letztlich wurde mein Fall dann dem Schichtleiter vorgetragen, der mich dann wieder hat einreisen lassen. (Und wir hatten noch Glück, eine Dame hinter uns wurde ganz anders behandelt. Ihr Bruder wurde wegen irgendeines Verbrechens gesucht und sie hat immer wieder beteuert, dass sie seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm hat, das wollten die Beamten ihr aber nicht so recht glauben und haben sie echt ganz schön in die Mangel genommen.)
Nachdem Philip dann abgereist war stand dann auch schon Halloween vor der Tür! (Ich befinde mich übrigens in einem Wahnsinns-Dekorations-Marathon: Zuerst wurden aller Vorgärten mit Kürbissen, künstlichen Spinnennetzen, Skeletten, Spinnen und Ähnlichem für Halloween geschmückt, dann kamen die aufgeblasenen Truthähne (kein Witz und sie sind an die 2m breit und hoch!) für Thanksgiving und fast zeitgleich auch schon Schneemänner, Weihnachtsmänner, Schlitten, Elfen und Engel. Dabei gilt bei den meisten Amerikanern die Devise: Kein Weihnachten vor Thanksgiving! Was das wiederum heißt weiß ich jetzt auch schon, gestern und damit genau einen Tag nach Thanksgiving haben alle Radiosender angefangen ununterbrochen Weihnachtslieder zu spielen…) Nun aber zunächst zu Halloween. Ich denke, dass Amerikaner Halloween als Kompensation dazu nutzen, dass sie kein Karneval oder Fasching haben. Denn die Kostüme sind noch ausgefallener und knapper als ich sie vom Bonner und Kölner Karneval kenne!
Das Wochenende nach Halloween sind wir alle gemeinsam ins Nirgendwo von Michigan zu unserem ersten Retreat aufgebrochen. Die Reise dorthin war schon spannend: sieben Erwachsene + Gepäck für fünf Tage inklusive Schlafsäcken und Wandersachen in einem Minivan von der Größe eines Opel Zafira… (ich dachte wir seien in Amerika und hätten damit Zugang zu vielen GROSSEN Autos, aber wenn man sie braucht…) Deshalb war die dreistündige Fahrt auf dem Freeway dann auch nicht die bequemste. Aber das eigentlich Witzige unserer Reise für mich kam nach dem Freeway: ein Kreisel. Denn Amerikaner sind keine Kreisel gewöhnt, wir sind wohl auf eines der wenigen Exemplare überhaupt gestoßen, weshalb wir davor angehalten haben und dann gemeinsam das Konzept eines Kreisels diskutiert haben, bevor wir reinfahren konnten.
Aber nun näher zum eigentlichen Retreat. Unter anderem haben wir dort unsere eigene Persönlichkeit näher erforscht, was bei mir nicht wirklich Überraschungen hervorgetan hat. Ich denke, dass ich:
- Den Impuls habe wirklich zu leben
- Ich gern meine Grenzen austeste
- Das Bedürfnis von Variationen in meinem Leben habe
Und vor allem:
- Warten als emotionalen Tod empfinde
Wusstet ihr auch alle schon vorher.
Vor allem letzteres mussten meine Eltern glaube ich ziemlich häufig leidvoll erfahren…
Dennoch haben mir die vier Tage viel gebracht. Zu reflektieren, wie wir selbst unsere Stärken auf unserer Arbeit und in unseren Beziehungen besser einbringen und unsere Schwächen durch Stärken anderer kompensieren können, ist nichts wirklich Neues, und dennoch denkt man immer wieder „stimmt“ warum mache ich dies nicht schon längst. Ich bin jetzt kein neuer Mensch, aber ich bin einen Schritt weitergekommen – denke ich ;-)
Außerdem Teil des summer camps war ein Hochseilgarten. Dieser war mal definitiv höher als alle, die ich bisher in Deutschland gesehen habe und es sind doch eine Menge der Teilnehmer aus den Übungen gefallen… was es nicht leichter gemacht hat als absolut Letzte in die Bäume zu klettern! Als ich ungefähr die Hälfte der Elemente überwunden hatte, hat es dann auch noch angefangen zu schneien. Ich habe mich wahrscheinlich noch nie in meinem Leben an etwas so fest gehalten, wie an den Seilen in diesen Bäumen, was zur Folge hatte, dass ich die nächsten drei Tage kaum Zähneputzen konnte, da ich meine Arme nicht mehr heben konnte. Den krönenden Abschluss des Hochseilgartens muss ich aber noch erwähnen: Diesen machte ein Element, bei dem man zunächst einige Meter in die Tiefe gesprungen ist, bevor das Seil gegriffen hat und einen dann wie bei einer Seilbahn zu Boden gebracht hat. Wenn das keine Vorbereitung auf meinen bevorstehenden Fallschirmsprung war…
Nach diesen Erfahrungen in der Wildnis stand dann wieder Großstadt auf meinem Reiseplan. Es ging ein zweites Mal nach Kanada, dieses Mal nach Toronto. Dort habe ich mich mit Daniel, einem Bekannten aus Ravensburg getroffen um die Stadt unsicher zu machen.
Bei meiner hiesigen Überquerung der Grenze wurde ich nach zwei-drei Fragen zu meinem Ziel, meinem Wohnort und warum ich denn die Schlange vor der Grenze gewechselt hätte (das darf man wohl nicht) problemlos wieder ins Land gelassen...
Und abschließend zu den letzten Tagen und damit Thanksgiving. Da dieses vom Stellenwert hier in Amerika gleich nach Weihnachten kommt, verbringt man es mit der Familie und isst einfach unglaublich viel. Deshalb waren auch alle ziemlich besorgt um mich, da ich Thanksgiving ja nun nicht mit meiner Familie feiern konnte. Von den zahlreichen Einladungen, die ich erhalten habe, habe ich mich dann für die von Sarah´s Familie entschieden. Sarah´s Bruder hat uns also Mittwochabend abgeholt und zu ihnen nach Hause gefahren. Die Familie lebt in einem total süßen Haus direkt hinter einem Park, mit einem abgetrennten Garten (das ist hier in Amerika eher unüblich) und neben vielen Bäumen auch einem Whirlpool in diesem (den wir dann später am Abend auch noch ausprobiert haben). Am eigentlichen Thanksgiving-Morgen sind wir dann früh aufgestanden und nach Detroit gefahren um dort die 2. Größte Parade des Landes anzuschauen (die größte ist natürlich in NY). Nachdem wir uns dort im wahrsten Sinne des Wortes die Füße abgefroren haben – sonst wird Kundenservice hier so groß geschrieben wie nirgends, aber es gab keinen einzigen Kaffee- oder Kakaoverkäufer
Weshalb meine Rückfahrt eine Herausforderung war? Ganz einfach, weil es hier ja so gut wie keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. In mühevoller Recherche hatte ich mir also einige Tage zuvor einen Bus von Detroit zur Kreuzung 23th Road – Gratiot ausgeguckt, wo ich dann in einen Bus nach Port Huron umsteigen wollte. Mit Nate, einem Freund von mir, war ausgemacht, dass er mich bei Sarah abholt (er hat Freitag direkt bei ihr um die Ecke gearbeitet) und mich dann mit in die Stadt nimmt, da wohnt er nämlich, damit ich dann von dort den einzigen Bus des Tages in Richtung Port Huron nehmen könnte. Meiner Ansicht nach war dies eine super Planung, da es für alle Beteiligten die wenigsten Umstände bedeutete. Und vor allem die einzige Möglichkeit, denn am Wochenende und an Feiertagen fahren hier keine Busse.
Meine einzige Option nach Hause zu kommen, habe ich dann aber schon vor meiner Abreise bei Sarah verstreichen sehen, da Nate ein kleines bisschen später war. Mein Glück: Er hat mich dann direkt zu meinem eigentlichen Bus gebracht. An dieser Bushaltestelle bin ich allerdings eine Stunde zu früh angekommen und ich wollte nicht, dass er auf mich warten muss, weshalb ich ihn nach Hause geschickt habe. Da es draußen eiskalt war, habe ich mir also das nächste Fast-Food Restaurant gesucht um dort auf den Bus zu warten. Und da war ich nicht die Einzige. In diesem Restaurant saßen schon um die 20, ausschließlich farbige Menschen, die außer mir auf den Bus warteten. Deshalb hatte ich dann eine wirklich witzige Stunde mit einer ca. 50 jährigen Frau, ihrem Sohn der stark übergewichtig war und mir etwas jünger erschien als ich und José aus Mexico, der so um die 60 gewesen sein muss. Allerdings war es wirklich erschreckend, dass ich die einzige im ganzen Bus war, die mit einer heilen Reisetasche gereist ist. Die meisten anderen waren mit Plastiktüten ausgestattet, wobei sogar diese Plastiktüten in vielen Fällen schon Löcher aufgewiesen haben. Diese Rückfahrt hat mein Thanksgiving also noch einmal in ein ganz anderes Licht gerückt…