Donnerstag, 23. September 2010

Was passiert...

… wenn man nicht mehr in der Nachbarschaft von Peer Steinbrück und Guido Westerwelle wohnt:

Und jetzt heißt es: Mama und Papa bitte erstmal hinsetzen, alles halb so wild! Denn heute hat jemand 5 Blöcke entfernt seine Frau als Geisel genommen und ein paar Stunden die Polizei in Schach gehalten. Deshalb mussten alle Schulen und öffentlichen Gebäude in der Umgebung abgeschlossen werden, sodass jeder der drin war auch tatsächlich drin blieb und andersrum. Das eigentlich dramatische an der Sache ist nur, dass die direkten Nachbarn des etwas durchgedrehten Herrn sich stattdessen lieber Stühle und etwas zu Essen mit auf die Veranda genommen haben, um dem Spektakel unmittelbar beizuwohnen. Mein scheint hier also Situation wie diese durchaus gewöhnt zu sein. Letztendlich wurde der Herr gefasst und alles geht wieder seinen gewohnten Gang…

Es ist aber nicht der erste Mann der letzten Tage, der festgenommen wurde. Denn Donnerstag hat direkt vor unserer Haustür ein Undercovercop einen Drogendealer auffliegen lassen, der so schnell wohl nicht mehr die Luft der Freiheit schnuppern wird.

Aber es gibt auch positive Neuigkeiten! Und zwar haben wir endlich unsere Fahrräder, die ich mit meinem neuen Dienstwagen letzte Woche bei einem wunderbaren, älteren Ehepaar abgeholt habe, die diese netterweise für uns repariert haben. Dabei bin ich in den Genuss gekommen ein wahrscheinlich wirklich typisch amerikanisches Haus von innen kennenzulernen: Eine süße Küche mit jeglichen Elektrogeräten, in diese hat man übrigens einen direkten Zugang durch die Garage. Ein kleiner Garten, der es ermöglicht ein nettes Schwätzchen mit den Nachbarn zu halten. Ein Hobbykeller für den Mann sowie ein kleiner Bereich für´s (tägliche?) Workout. Was mich aber wirklich neidisch gemacht hat: das riesengroße Bett! Aber vielleicht kommt das ja auch irgenwann nochmal in meinem Leben...



Ich habe mein Fahrrad am Sonntagmorgen jedenfalls gleich zu einem kleinen Ausflug an den See, die Brücke nach Kanada und in die etwas gehobeneren Teile Port Hurons genutzt, in welchen man dann auch einen direkten Zugang vom Garten zum See hat. Die meisten Häuser haben dabei eine Hollywood-Schaukel mit Blick über den See auf der Düne und teilweise auch einen Liegeplatz für´s eigene Boot ÜBER dem Wasser(die Boote werden hier meist elektrisch aus dem Wasser gehoben und liegen dann auf einer Art Sockel – keine Ahnung weshalb, denn besonders hohe Wellen habe ich hier noch nicht erlebt).

Obwohl es ein super schöner Morgen bei tollem Wetter war, bin ich lediglich einer weiteren Fahrradfahrerin begegnet. Die Amerikaner sind dann doch eher für auswärts Frühstücken am Sonntagmorgen, oder im anderen Extrem für Sport im YMCA zu haben. Dort bin ich seit gestern auch Mitglied, bzw. Stipendiantin und freue mich jetzt auf Schwimmen, Zumba und Yoga! Ein YMCA ist übrigens deutlich mehr als ein deutsches Fitness-Studio: Annähernd so viele Räume wie für´s Workout gibt es nämlich auch für die Kinderbetreuung der verschiedenen Altersklassen. Außerdem gibt es überall Fußbodenheizung, einen Badeanzugtrockner und eine Sauna – diese würden wir aber eher als türkisches Dampfbad bezeichnen. Von den meisten Bereichen kann man übrigens auf den Fluss und damit auch auf Kanada schauen: ich freu mich also schon alles auszuprobieren!

Und… ich habe diese Woche einen typischen amerikanischen Apfelkuchen gebacken! Das ging so: Plastiktüte öffnen und Boden, der bereits im Alu-Behälter ausgerollt war, herausholen. 2. Plastiktüte öffnen und vorgekochte Äpfel auf dem Boden ausbreiten (ich habe mir sogar die Mühe gemacht sie anzuordnen), 3. Plastiktüte öffnen und Geliermasse über den Äpfeln ausbreiten, 4. Plastiktüte öffnen und Streusel über all diese Zutaten verteilen – und ab in den Ofen.

Mein ganz persönliches Highlight der letzten Woche habe ich übrigens auf der Arbeit erlebt: Ich habe für Alice (meine Chefin) den Geschäftsbericht des letzten Quartals geschrieben;sie fand ihn gut und ich hatte keine Grammatik-Fehler! Yeah, so kann es weitergehen! Um aber auch des Deutschen mächtig zu bleiben, werde ich ab Oktober sowohl Deutsch-Nachhilfe, als auch Deutsch-Stunden für Erwachsene geben. Auf beides bin ich sehr gespannt, bei dem Nachhilfeunterricht betrifft das eher die Motivation der Schüler, bei den Deutsch-Stunden die Erwartungen meiner Zuhörer! Ich stürze mich also bisher noch sehr motiviert in dieses Abenteuer und ihr werdet von meinem Erfolg oder Misserfolg hören!

Sonntag, 12. September 2010

Jetzt weiß ich auch...

welchen Stellenwert „Sicherheit“ im Leben der Amerikaner hat. Denn auch wenn man in einigen Staaten ohne Helm Motorrad fährt, so versucht man dennoch jedes Risiko einer Verletzung aus dem Alltag zu verbannen. So haben am Freitag die alten Damen in der Suppenküche ein großes Brett genutzt um darauf die Kartoffeln zu schneiden. Als ich dann ein kleines Messer genommen habe und sie direkt in meiner Hand durchgeschnitten habe, habe ich fast einen Eklat ausgelöst! Das sei viiiieeel zu gefährlich, ich dürfte niemals ein Messer in Richtung meines Körpers bewegen, etc. Naja, ich habe ihnen dann erklärt, dass es in Deutschland jeder so macht und ich mich wahrscheinlich nicht verletzten werde und mir heimlich gedacht, dass meine Oma ihren Schock des Lebens gehabt hätte, wenn sie die Damen so hätte Kartoffeln teilen sehen.

Allerdings sollte ich am Freitag dennoch in einen kleinen Unfall verwickelt werden. Und zwar hole ich jetzt schon seit ungefähr einer Woche meinen neuen boyfriend regelmäßig zu einem Spaziergang ab. Um jetzt keine Verwirrung zu stiften: Er ist zwei Jahre alt, heißt Lucky und ist ein Golden Retriever (für alle, die jetzt seufzen, er ist wirklich unglaublich süß und Fotos werden folgen). Jedenfalls liebt Lucky –genau wie Mona – Eichhörnchen und Wasser. Wasser kann einem glücklicherweise im Gegensatz zu Eichhörnchen aber nicht plötzlich über den Weg laufen… Und die Eichhörnchenpopulation übersteigt unsere in Deutschland um ein vielfaches –weshalb ich vielleicht auf Lucky´s Sprint hätte vorbereitet sein sollen. Jedenfalls hat sich mein Stammhirn in dieser einen Sekunde dummerweise für und nicht gegen die Leine entschieden und so hat Lucky mich einfach hinter sich hergeschliffen. Zum Leidwesen meiner Knie. Blutend wie eine 4-Jährige nach den ersten Radfahrversuchen habe ich also den Rückweg angetreten. Dabei haben mir zahlreiche Menschen Hilfe und Pflaster angeboten, wobei mir alles über den Zaun gereicht wurde, da man ja nicht wissen kann, welche Krankheiten mein Blut so ausdünstet. Ok, das ist jetzt wirklich gehässig, aber es waren wirklich alle auf genügend Sicherheitsabstand bedacht!



Abgesehen von meinem kleinen Unfall hatte ich aber wirklich eine sehr tolle Woche, die mit einem Picknick am Sonntag begann (bis heute hatte ich hier wirklich noch keinen Sonntag, an dem ich nicht zu einem Barbecue oder einem Picknick eingeladen war!) Sarah´s Eltern haben uns abgeholt und wir sind zu einem Strand am Lake Huron gefahren. Etwas ungewöhnlich war, dass man Eintritt zahlen musste, aber dafür war der Strand auch sehr sauber. Außer uns waren nur große Gruppen verschiedenster Nationalitäten dort, die je nach ihren Sitten und Bräuchen auch entweder gegrillt oder wahlweise auch skurril getanzt haben. Nach einer üppigen Stärkung haben wir uns dann entschieden eine Runde schwimmen zu gehen und das war echt ein Erlebnis! Das Wasser war zwar anfangs ziemlich kalt, wurde nach einigen Minuten aber doch angenehm. Das wirklich beeindruckende waren aber die Frachter die ca. 200m von uns entfernt vom River Huron in den Lake Huron gefahren sind. (Bevor wir hier gestartet sind, habe ich übrigens diesen Spruch aus dem Wohnzimmer gehört: „Ah, remember her, that she takes a top, you know, she´s from Europe“ – ja schon klar, normalerweise gehen wir nur nackt baden.)

Unser Badeausflug vom Sonntag konnte dann am Montag sogar noch getoppt werden. Denn am Montag war Labor Day, ein nationaler Feiertag, und wir waren mal wieder zu einem Barbecue eingeladen. Das besondere: Unsere Gastgeber hatten eine beheitzten Pool (der war so warm wie meine Badewanne sonst), einen Whirlpool (in dem wurde man fast gekocht) und ein Trampolin aufzubieten. So kam den ganzen Tag keine Langeweile auf und ich habe mich so richtig austoben können…



Und wie immer noch ein kleiner Absatz zu den kulinarischen Besonderheiten… Am Donnerstag war ich auf einer Opportunity Conference. Dort hat eine wirklich beeindruckende Referentin ein Seminar über Armut und vor allem über unser Verständnis und unseren Umgang mit Menschen in Armut gehalten, denn laut ihrer Schlussfolgerung, können wir es einfach nicht nachvollziehen und sollten mehr zuhören und nachvollziehen, als einfach unsere Lösungen anzubieten, womit sie wahrscheinlich recht hat! Aber ich war nicht nur dort um am Seminar teilzunehmen, sondern auch um meiner Chefin beim Catering zu helfen. Für 170 Teilnehmer gab es ungefähr 20 Torten wie sie im Bild zu sehen sind! Diese Torten begleiten einen hier tagtäglich und es gibt sie zu jeglichen Anlässen. Ihr Überzug besteht zu geschätzten 90% aus Zucker und ist meist auch nicht zu dünn. Jedenfalls bin ich gespannt, welche Variationen ich zu Halloween, Thanksgiving, Weihnachten und natürlich zum Valentinstag sehen werde und bin daher sicher, dass ich noch einige Zuckerschocks erleidern werde!

Sonntag, 5. September 2010

Darf ich mich vorstellen?

Für alle, die mich bisher als Julia (23) kannten – das war einmal. Jetzt habe ich es 23 Jahre meines Lebens, mit Ausnahme des Matheunterrichts in der 12 und 13 ohne Spitznamen ausgehalten, jetzt wird mir doch noch einer zugeteilt.

Hier bin ich nämlich Jules und definitiv unter 21. Denn Alkohol wird mir hier keiner ausgeschenkt und auch die kleinen Jungs auf der Straße denken, dass ich absolut in ihr Beuteschema passe.

Im ersten Supermarkt, der meinen deutschen Ausweis nicht akzeptieren wollte, habe ich dies zunächst noch auf die etwas zu penible Kassiererin geschoben und an eine Ausnahme geglaubt (mein Mitbewohner hat dann statt meiner den Wein gekauft…), aber dieses Spektakel sollte sich in den letzten Tagen noch einige Male wiederholen. Mein Ausweis wird hier nicht akzeptiert, weil man niemals zuvor einen deutschen Ausweis gesehen hat und weil man mir nicht glaubt, dass ich die 20 bereits überschritten habe – in einigen Jahren komme ich dann nochmal hierher, wenn ich wirklich mit meinem Alter hadere!

Das eigentlich witzige an der Sache ist aber, dass meine Mitbewohner ihr Alter mit ihrem Führerschein belegen. Der hat zwar immer das gleiche Format, ist ansonsten aber von Bundesstaat zu Bundesstaat ziemlich verschieden, sodass der meiner Mitbewohnerin z.B. aufgrund der leeren Kassen ihres Bundesstaats nicht mehr ist als unser alter Schülerausweis – also nur ein Papierlappen ohne jegliche Wasserzeichen oder ähnliches. Aber mein Ausweis ist gefälscht…

Dennoch habe ich natürlich Verständnis für alle Kellner, denn die Strafen für den Ausschank von Alkohol an Jugendliche unter 21 sind hier sehr sensibel und wie meine Mama zu recht gesagt hat: „Man kann auch ohne“ – muss aber nicht! So haben wir gestern Abend einen Abend mit amerikanischen Trinkspielen hier bei uns zuhause veranstaltet. Der wohl größte Unterschied zu unseren Trinkspielen ist, dass bei den meisten Spielen jeder viel trinken muss, ob er nun gewinnt oder verliert. Außerdem gibt es hier kaum „Kurze“, sondern man nimmt eher einen großen Schluck aus Flasche oder Glas, weshalb sehr häufig das „Exen“ der kompletten Flasche verlangt wird.

Am Mittwoch wurde ich zu einer Motorrad-Tour mit anschließendem Biker-Treff abgeholt – sehr cool und vor allem sehr amerikanisch! Die ersten amüsierten Blicke galten meiner Jacke, die ich trotz 30 Grad Außentemperatur angezogen habe. Solche Sicherheitsmaßnahmen hält man hier nämlich für überflüssig. Dann ging es mit der Rennmaschine mit nicht mehr als 70 miles per hour zum Biker-Treff, wo außer uns vor allem ältere Herrschaften mit langen Haaren und Bärten sowie Harleys und Ganzkörper-Tattoos waren. Die meisten waren allerdings echt super freundlich! Aber nun zu den weiteren allgemeinen Verwunderungen meiner Gesprächspartner:
1. Da die Hells Angels auch anwesend waren, wollte ich wissen, was man hier so allgemein von den Hells Angels hält. In Amerika sind diese aber anscheinend nicht mehr als eine „ganz normale“ Gruppe von Motorradfahrern und nicht im geringsten mit der Szene in Hannover vergleichbar. Das ich also gehörigen Respekt vor einigen Anwesenden hatte, schien daher eher unangebracht.
2. Außerdem wurde ich gefragt, was mich denn bisher daran gehindert hätte den Motorradführerschein zu machen. Meine ehrliche Antwort war dann, dass es mir bisher einfach zu teuer war. Als die anderen dann erfahren haben, was so ein Führerschein in Deutschland kostet, wären sie fast in Ohnmacht gefallen! Hier belegt man nämlich einen Wochenendkurs, zahlt dann 25$ (was hier schon als unerhört teuer empfunden wird, da man in einigen anderen Staaten wohl nur 10$ bezahlen muss) und dann hat man seine licence.

Deshalb lautet eines meiner Vorhaben für´s nächste Jahr: Get my Motorbike driver´s licence!